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Wider die kulturelle Ausdünnung der Regionen - Stärkung der Vielfalt und Reichhaltigkeit in unserem Dorf
Der Begriff Kultur leitet sich wie sehr viele andere Begriffe unseres Wortschatzes vom Lateinischen her, von cultura mit dem Zeitwort colere. Colere heißt pflegen, und ursprünglich wurde das Wort vor allem in der Landwirtschaft verwendet. Sie selber, die agricultura, und der Begriff colere bedeuten also, etwas „aufzubauen“ oder zu „pflegen“, und damit ist cultura ein aktiver Begriff, ein Tätigkeitsbegriff: Man muss etwas tun, um Kultur zu besitzen.
Der Gegensatz zu Kultur ist Natur. Vom lateinischen Verbum nasci, was so viel heißt wie „geboren werden“, „entstehen“. Natur ist also das, was von selbst entsteht, und das ist eben der Gegensatz zu dem, was wir Menschen beitragen. Insofern ist also Kultur etwas zutiefst Menschliches, es ist der menschliche Beitrag zu dieser Welt und es ist - so muss man ihn einschränken - der konstruktive Beitrag zu dieser Welt, nicht der zerstörende - auch den gibt es leider. Alles was wir konstruktiv zu dieser Welt beitragen, kann man also unter dem Begriff Kultur subsumieren.
Es gibt einen Komplementärbegriff, der für uns ebenfalls höchst relevant ist. Das ist der Begriff der Kunst. Dessen Etymologie ist geläufig. Kunst kommt bekanntlich von „können“. Man muss diese Banalität aber manchmal in Erinnerung rufen, weil gerade der Kunstbegriff in der deutschen Geistesgeschichte der Moderne sich von diesem Ursprung sehr weit entfernt hat. Insbesondere durch die Geniezeit des 18. Jahrhunderts und durch die Romantik des 19. Jahrhunderts ist der Kunstbegriff bei uns sehr überhöht worden, während er zum Beispiel in den antiken Sprachen - sowohl im Griechischen mit dem Begriff téchne, als auch im Lateinischen mit dem Begriff ars - sehr konkret noch das Können umfasst, dort also sehr „technisch“ gedacht ist, was ja vom griechischen Begriff tèchne kommt. Téchne und ars hat jemand, der etwas gut kann, ob das nun Schuhe, Tische, ein Bild, eine Plastik machen oder eben Musizieren ist – das ist alles auf einer Ebene.
Blasmusik als Brücke zwischen Volks- und Hochkultur
Damit kann man auch einem weiteren Gegensatz begegnen, der gerade, wenn es um Blasmusik geht, gerne aufgeworfen wird, dem Gegensatz zwischen Volks- und Hochkultur. Die berühmte amerikanische Kulturwissenschaftlerin Susan Sontag hat einmal den Appell geäußert „Cross the border“, was soviel wie „überschreite die Grenzen zwischen diesen beiden Bereichen“ bedeutet. Ich stelle fest, dass gerade in der Blasmusik diese Grenzen ohnehin ständig überschritten werden, ja verschwimmen, schon durch die schlichte Tatsache, dass zum Beispiel in den Ensembles sehr häufig auch Musiklehrerinnen und Musiklehrer sitzen, die nun eindeutig aufgrund ihrer Profession schon Vertreter der Hochkultur sind. Sie werden aber auch sonst vielfach überschritten. Ich selbst versuche an der Universität Innsbruck einen Beitrag zur Überschreitung dieser Grenze zu leisten, indem ich mich bemühen werde, im Rahmen einer zu errichtenden Kunstfakultät auch einen Lehrstuhl für Blasorchesterleitung zu installieren. Es wird schwierig sein, weil es noch einige Widerstände zu überwinden gibt. Aber wenn das gelingt, dann ist das ein weiterer Beitrag dazu, diese Grenzen zu verwischen und die Blasmusik in unserer Region weiter zu stärken und zu heben.
Wenn man nun das spezifisch Kulturelle der Blasmusik näher in den Blick nehmen will, dann ist eine Unterscheidung günstig, die wiederum aus der Antike kommt. Vom berühmten römischen Dichter Horaz, der das Werk Ars poetica (Dichtkunst) geschrieben hat, stammt eine Unterscheidung, die man für sehr viele kulturelle Bereiche treffen kann, nämlich die Unterscheidung zwischen Nutzen einerseits und Unterhaltung andererseits. Die lateinischen Begriffe dafür waren prodesse und delectare. Das beides tut, so sagt Horaz, die Dichtung. Das beides, so kann man sagen, tut auch die Musik. Sie nützt und sie unterhält. Wem nützt sie nun? Wie nützt sie denen, die sie betreiben und denen, die sie hören?
Materieller und formaler Bildungsauftrag
Wenn ich die Ausführenden einmal zuerst in den Blick nehme, dann sage ich, dass sie hier einen wesentlichen Bildungsbeitrag leistet. Dieser Bildungsbeitrag kann wieder unterschieden werden in einen materialen und einen formalen Bildungsbeitrag.
„Material“ meint, was leistet die Musik an Inhaltlichem zur Bildung? Das ist eine große Fülle, die ich hier nicht aufzuzählen brauche, wo ich nur an ein paar Dinge einfach erinnern will, um sie uns wieder einmal bewusst zu machen. Natürlich sind das alle möglichen musikalischen Grundkenntnisse. Angefangen von der Notenschrift über Intervalle, Harmonien und Tonarten bis hin zu musikalischen Gattungen und musikalischen Strukturen, wobei mit diesen Grundkenntnissen sofort eine Fülle von Zusatzkenntnissen transportiert wird, wie etwa Kenntnisse in der Musikgeschichte oder auch Kenntnisse in den verschiedenen Inhalten, die musikalisch bearbeitet sind. Dies können historische, politische, religiöse oder etwas auch mythologische Inhalte sein. Dasselbe gilt aber auch für die musikalischen Gattungen. Wir spielen ja nicht nur Märsche und Polken, sondern eine Fülle anderer musikalischer Gattungen. Wir erleben also hier eine Ausbildung und Bildung, die uns vielfältig kundiger macht. Das wäre der materiale Teil dieser Bildung.
Es gibt aber auch einen formalen Teil. Der ist nicht minder wichtig, wie überhaupt in jeglicher Bildung und Ausbildung die formale Seite gerne übersehen oder unterschätzt wird. Sie ist aber ganz grundlegend für unser Lernen überhaupt. Wir können nie alle Situationen, die wir im Leben bewältigen müssen, vorher erlernen, also uns darauf vorbereiten. Wir müssen das, was wir gelernt haben, auf andere Situationen übertragen. Das ist ein Aspekt der formalen Bildung. Wir müssen also wissen, wie geht es und wie kann ich es übertragen. Was sind solche übertragbaren Bildungsinhalte der Blasmusik? Es sind zum Beispiel das Wissen um Harmonie und Disharmonie, das Wissen um Kontexte, die jegliche kulturelle Äußerung hat. Es sind dies aber auch eine Fülle von Fähigkeiten, die wir hier lernen. Die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen, beruht immer auf einem langen und mühseligen Ausbildungsprozess, der Ausdauer und Leistung verlangt, der aber auch - weil er in einer Gruppe stattfindet - soziale Kompetenzen erfordert. Natürlich wird auch in Musikkapellen gestritten. Wenn gestritten wird, dann muss man aber wieder zusammen kommen, man muss wieder zusammen musizieren. Man lernt hier also Konfliktbewältigung, Konfliktkultur, wenn man es so will. Man lernt Respekt, man lernt Gesprächsfähigkeit; also eine Fülle von sozialen Kompetenzen, die noch dazu in einer Blasmusikkapelle deswegen besonders intensiv gelernt werden, weil sich hier - wie selten in Vereinen - die unterschiedlichsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen finden. Das sind einmal Junge und Alte, dann Männer und Frauen, es sind Angehörige unterschiedlichster sozialer Schichten und aus unterschiedlichsten Berufen, die hier zusammen kommen. Also findet hier die Welt im Kleinen statt, und die Sozialkompetenz, die hier gelernt wird, ist erheblich.
Die Tracht ist ein sichtbarer Ausdruck von Heimat und Zusammengehörigkeit
Natürlich gehören zu diesen formalen Bildungsinhalten von Blasmusik auch Dinge, wie sie oft beschworen werden, wie zum Beispiel das Heimatgefühl. Wir musizieren ja in der Tracht, und die Tracht ist ein sichtbarer Ausdruck von Heimat und von Zusammengehörigkeit. Das ist ein hoher Wert, wenn er richtig und mit Maß erarbeitet wird, und vor allem auch mit Toleranz, mit der Bereitschaft, sich einzulassen auf das Fremde, auf das Andere. Auch das leistet die Blasmusik, indem sie sich zum Beispiel in eben ihrem Gattungsspektrum ausweitet, indem sie zum Beispiel moderne Tonsprache mit einbezieht. Also auch das sind so genannte „soft skills“ - wie man es heute gerne sagt, die in einer Blasmusik gelernt und weitergebildet werden.
Das wären also einige Aspekte dieser formalen Bildungsleistungen neben den materialen, die nun immer mit Blick auf die Ausführenden gedacht waren.
Blasmusik ist natürlich auch ein Kulturgut für die Zuhörenden. Natürlich ist auch für sie die Blasmusik ein Bildungserlebnis, ein kulturelles Erlebnis, wobei hier das delectare (erfreuen) wohl vor dem prodesse (nützen) steht.
Vieles, von dem, was ich jetzt gesagt habe, spielt implizit oder auch explizit eine Rolle. Implizit schlicht durch die Programmwahl, explizit zum Beispiel durch gute Moderation. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass sich Blasmusik gut verkauft. Dazu gehört eine gute Moderation. Sie soll nicht ausufern, sie soll die Dinge aber auf den Punkt bringen. Sie soll die Chance nützen, mit der Musik eine Fülle von Bildungsinhalten zu transportieren.
Ich komme zum Schluss und resümiere: Ich glaube, dass wir auf den Beitrag, den wir zur Kultur unseres Landes leisten,
· stolz sein können,
· dass wir ihn immer wieder auch in Erinnerung rufen sollten,
· dass er wert ist, gefördert zu werden von allen Seiten, gerade eben auch von der öffentlichen Hand.
Es ist eine Leistung, die Kultur anschaulich macht, die sie angreifbar macht, handhabbar macht für das Individuum. Das ist ganz wichtig im Bildungserlebnis. In der Musikkultur wird Bildung, wird Kultur gegenständlich, wird greifbar für den Menschen. Nicht weniger wichtig ist aber auch die kulturelle Leistung der Blasmusik für die Stärke unserer Regionen. Wenn man andere Regionen betrachtet, wenn man durch die Welt fährt, dann kann man das sehr gut ermessen. In vielen Regionen ist Provinz wirklich Provinz. Dort „spielt“ sich nichts ab, dort ist vieles tot, was bei uns lebt.
Durch Blasmusik findet Kultur im kleinsten Dorf statt
Durch die Blasmusik findet Kultur im kleinsten Dorf statt. Sie findet permanent und auf hohem Niveau statt. Das ist eine Stärkung der Region, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Wir erleben heutzutage auch durch den Neoliberalismus der Wirtschaft einen Verlust an Dichte in den Regionen. Vieles wandert ab, man muss dagegen ankämpfen. Es droht also die Gefahr einer Ausdünnung, einer ökonomischen und kulturellen Ausdünnung der Region. Die Blasmusik ist ein ganz wichtiges Gegengewicht. Und wenn Kultur in der umfassenden Definition, die ich am Anfang gesetzt habe, gilt, dann gilt, dass Blasmusik die Stärke und die Vielfalt und die Reichhaltigkeit von Region ganz wesentlich stützt. Und darauf können wir stolz sein und daran wollen wir arbeiten. Dafür hoffen wir auch auf die Unterstützung und das Ansehen und die Anerkennung von allen Seiten.
